"Rheinische Post" 25. September 1981

Walter Strerath, wie ihn viele kannten: Konzentriert, sensibel. Der Odenkirchner der Europas bester Jazzpianist war, starb an einem Herzinfarkt.

Walter Strerath ist tot

Er war Europas
bester Jazzpianist

Walter Strerath ist tot. Diese Nachricht sorgte gestern für Bestüzung unter Zahllosen Musikfreunden in Mönchengladbach. Im Alter von 39 Jahren ist der Odenkirchener, der Frau und zwei Kinder hinterlässt, am Dienstag an einem Herzinfarkt gestorben. Mit Ihm hat die deutsche Jazzszene einen ihrer wichtigsten und prominentesten Vertreter von weltweitem Rang verloren.

Populär im Sinne eines "Stars", war der Odenkirchener nie. Und obwohl zahllose Musiker in Mönchengladbach in ihm ein Vorbild sahen, so gehörte er doch nur in den frühen Jahren zur Gladbacher "Szene". Denn er entwickelte sich schnell zu einem ernsthaften Arbeiter, für den Musik eine Herausforderung war, ein KAmpf um künstlerichen Ausdruck und um ein Publikum, das Qualität zu würdigen weiß. Und die bot Walter Strerath immer wieder.

Als Achtjähriger begann er am Klavier, entschied sich mit 15 Jahren für den modernen Jazz, spielte in Jazzkellern der Stadt, hörte und lernte und entwickelte seinen eigenen Stil, der ihn bald bekannt machte. Da waren Mitte der 60er Jahre die ersten Erfolge des "Walter Strerath Trios", der Riesenerfolg beim Jazzfestival in Düsseldorf gemeinsam mit Michael Dieck un Gerd Pütz, dem bald Auftritte in Europa, später auch in Übersee folgten. Die Kritiker lobten das einfühlsame Spiel, das besondere rythmische Element und den Einfallsreichtum des Trios. Preise auf allen Internationalen Festivals, so in Wien der Friedrich-Gulda-Preis des besten europäichen Jazzpianisten (1968) machten die Musiker aus Mönchengladbach weltweit bekannt. Walter Strerath wurde oft mit seinem großen Vorbild Oscar Peterson verglichen, blieb sich dennoch immer selbst treu, auch wenn er mit dem Meister selbst zusammenspielte oder mit Dizzy Gillespie oder Gato Barbieri zu hören war.

Im Mai 1980 war er nach langer Pause wieder einmal auf heimischem Boden, in der Kaiser-Friedrich-Halle, zu erleben, wieder voller Ideen und Einfälle und Pläne. Er präsentierte sich als klassischer Jazzpianist, mit Einflüssen aus Südamerika, mit Anspielungen an die Klaviermusik des 19. Jahrhunderts, voller Improvisationsgabe - er begeisterte 500 Menschen. Es sollte sein letztes großes Konzert in Mönchengladbach sein.

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"Mönchengladbacher Köpfe" Band 2

Walter Strerath (1942-1981)

Als er sich nach langjährigem Zögern schließlich durchgerungen hatte, den aufreibenden Beruf des Landmaschinenkaufmanns im eigenen Betrieb in Sasserath aufzugeben und nur noch seinen künstlerischen Neigungen als Jazzpianist nachzugehen, war es für ihn zu spät. Der Tod überraschte Walter Strerath am 23. September 1981 auf der Intensivstation, nachdem er einige Tage zuvor mit einem angeblich "leichten Herzinfarkt" in das Franziskushaus in Mönchengladbach eingewiesen worden war. Er hinterließ seine Frau mit zwei Töchtern.

Obwohl er sich dem Klavierspiel und der Jazzmusik lediglich neben seinem Beruf hingeben konnte, hatte er sich in seinem kurzen Leben den Ruf eines der besten Jazzpianisten Europas erworben. In der "Rheinischen Post" (25. September 1981) war sogar zu lesen: "Er war Europas bester Jazzpianist."

Seit dem sechsten Lebensjahr erhielt Walter Strerath, der in Odenkirchen am 18. September 1942 als Sohn des Landmaschinenvertragshändlers Josef Strerath und seiner Ehefrau Magdalena geboren wurde, regelmäßig Klavierunterricht. Schon früh entwickelte er neben den "Pflichtübungen", die ihn allmählich mit der Klavierliteratur von Bach bis Bartok vertraut machten, eine Vorliebe für freies Improvisieren, welches sich bald mit Jazzrythmen verband. Der Junge hatte seine Liebe für den Jazz entdeckt, und zwar für den modernen Jazz. Während eines Livekonzertes des Modern-Jazz-Quartetts in Aachen, für das ihm seine Schwestern eine Eintrittskarte geschenkt hatten, habe er - so berichtet er später - bereits den Plan gefaßt, selbst einmal eine Jazz-Gruppe ins Leben zu rufen. Er habe damals allerdings schon an die Bildung eines Trios gedacht. Das hing wohl damit zusammen, daß er zu dieser Zeit vom Oscar-Peterson-Trio fasziniert war. Von O.P. durfte keine LP in seinem Schalplattenschrank fehlen. Die brilliante Technik und der ungewöhnliche Drive dieses kanadischen Pianisten, eines der Großen des Modern Jazz, der in den USA und in Europa Triumphe feierte, begeisterte Strerath so, daß er in ihm bis zu seinem Tode sein großes Vorbild sah. Wenn er dennoch im Laufe der Jahre einen eigenen - besonders vom südamerikanischen Bossa Nova inspirierten - Stil entwickelte, so zeigt dies, daß er zu einer Persönlichkeit in der Jazz-Szene herangereift war.

In den ersten Jahren seines öffentlichen Auftretens (1958-1962), noch ohne eigenes Trio, ständig bereit, in einem Jazz-Ensemble am Piano "einzusteigen", fehlte er bei keinem Meeting der Gladbacher "Monkstown-Jazz-Society". Schnell hatte sich das junge Talent bei den "Jazzern" in den Jazzkellern in Mönchengladbach (in Rheydt und auf der Waldhausener Straße) mit seinem virtuosen Spiel profiliert, so daß der damalige Jazz-Club ohne Bedenken bereit war, für den 16jährigen die Aufnahmestatuten zu ändern.

Der junge Pianist hatte mittlerweile auf Wunsch seines Vaters ("der Pflicht gehorchend") bei Waldhausen & Bürkel eine Ausbildung für den Beruf des Industriekaufmanns begonnen. Und mit 17 Jahren begann für ihn eigentlich schon jene unselige zweigleisige Inamspruchnahme, die ihn am Ende körperlich überfordern sollte.

1963 trat er zum ersten Mal mit einer eigenen Gruppe beim Amateur-Jazzfestival in Düsseldorf auf und gewann für seine solistische Darbietung auf Anhieb den dritten Preis.

1965 wurde er auf diesem international viel beachteten Festival als bester Solist ausgezeichnet, und ein Jahr später belegte gar sein Trio (mit Michael Dieck (b) und Gerd Pütz (dr)) den ersten Platz. Die Erfolge haäufen sich.

1967 und 1968 ging Walter Strerath auch als Sieger aus dem Wettbewerb beim Internationalen Jazzpiano-Festivals in Mönchengladbach hervor. In der Jury befand sich unter anderen Dr. Dietrich Schulz-Koehn vom WDR in Köln, der Streraths Musik besonders Schätzen lernte und 1975 den Text für das Cover der LP
"Fly to Brazil" schrieb.

Bei seinem ersten großen Auftritt auf der europäischen Jazz-Bühne (im Jahre 1968), beim Friedrich-Gulda-Festival in Wien, etablierte sich der Mönchengladbacher Künstler als Jazzpianist von internationalem Rang. Von der Jury, in der auch Duke Ellington saß, wurde er zum besten Pianisten gekürt. Nachdem sich das Trio 1969 beim Amateur-Jazz-Festival in Zürich den zweiten Platz erspielt hatte, folgten Gastspielreisen in viele europäische Länder.

Walter Strerath war zeitlebens ein zurückhaltender Mensch. Er befand sich zwar gerne bei geselligen Anlässen unter Menschen, aber er liebte es nicht, diese - außer am Klavier - zu unterhalten. Im Konzertsaal bot er dem Publikum unverfälschten Jazz, ohne irgendwelche Showeffekte. Das Trio spielte allerdings immer mit solch bewundernsweter Freude, das sich diese Freude auf die Hörer übertrug. Manchmal ließ der Künstler seinen Humor durchscheinen. So spielte er im Kölner "Senftöpfchen", einem Boulevard-Theater, einmal in einer Talkshow Bioleks mit Freddy Quinn vierhändig Klavier, "weil´s uns und den Leuten Spaß gemacht hat", wie er meinte.

1975 wurden die Stücke für die zweite LP des Walter-Strerath-Trios,
"Fly to Brazil", in Darmstadt aufgenommen. Neben den Damals in der Jazz-Welt allgemein bekannten Titeln wie "Softly As In A Morning Sunrise", "Con Alma" und Autumn Leaves" weist die PLatte fünf Kompositionen von Strerath auf. Der Jazzpianist und Komponist hatte schon vorher sein Trio mit neuen Solisten besetzt: Dieter Petereit (b) und Peter A. Schmidt (dr). Beide Musiker trugen durch Ideen, die er gerne aufnahm, mit dazu bei, den unverkennbaren Stil das Strerath-Trios der letzten 15 Jahre seines Lebens zu kreieren. Wer heute das Trio noch einmal erleben möchte , sollte "Fly to Brazil" auflegen. Man hört - wie Schulz-Koehn richtig urteilt - "ein integriertes Trio", bei dem das "Ensemble" mehr sei "als die Summe der Teile". Zum vom Bossa Nova geprägten Stil des Strerath-Trios meint der Jazz-Experte: "Der Bossa Nova stellt eine Art Rückkopplung zwischen nordamerikanischen Jazz mit seinem Drive, Blues und Beat und dem brasilianischen Samba mit seiner Lebensfreude und -bejahung dar. Das Walter Strerath Trio beherschht diese Synthese zwischen Nord und Süd auf dem Gebiet der amerikanischen Musik wie kaum eien andere Gruppe in Europa."

Das Strerath-Trio gab zwischen 1975 und 1981 auch in Mönchengladbach noch mehrere Konzerte, mit denen es die Gladbacher Jazz-Szene bereicherte. Der eigene Bossa Nova-Stil, der die Zuhörer immer wieder mitriß, fand schließlich selbst im südamerikanischen Kontinent Resonanz. Eine für 1982 bereits organisierte Südamerika-Tournee kam durch den plötzlichen Tod des großen Pianisten jedoch nicht mehr zustande.

F.O.